Chutdy Chumar

Es war einmal und es war einmal nicht, in alter Zeit lebten einmal ein armer Mann und eine arme Frau. Diese hatten drei Töchter. Der alte Mann sammelte und trug Brennholz auf seinem Rücken zum Unterhalt seiner Frau und seiner drei Töchter .
Als der arme Mann eines Tages auf dem Feld Brennholz gesammelt hatte, es mit einem Strick gebündelt hatte und es aufheben wollte, konnte er es nicht aufheben. Er sagte sich: “O weh, ich bin aber alt geworden. Mein Holz, das
ich früher aufgehoben habe, kann ich ja nicht mehr aufheben”, und er ruhte sich ein, zwei Stunden aus. Als er es wieder aufheben wollte, konnte er es wieder nicht aufheben. Daraufhin tat er von dem Holz einen guten Teil weg, wollte es wieder aufheben, schaffte es wieder nicht, tat von dem Holz die Hälfte weg, wollte es wieder aufheben, und schaffte es wieder nicht. Schließlich fing der Alte an, das ganze Holz wegzutun, da lag im Holz eine riesige Schlange. Als der Alte die Schlange sah, wollte er davonlaufen. Da sprach die Schlange:
“O Alter, flieh nicht, komm hierher.”
Der Alte ging zur Schlange und flehte:
“O liebe Schlange, was willst du von mir, ich bin ein armer Mann. Ich lebe vom Holzverkauf, geh deshalb aus meinem Holz heraus.”
Da sagte die Schlange:
“Gut, ich will herauskommen, aber ich möchte dir etwas sagen. Wenn du mit dem, was ich sagen werde, einverstanden bist, werde ich Weggehen, wenn nicht, lasse ich dich nicht am Leben.”
Der Alte sagte:
“Sag, was du sagen willst.”
Die Schlange sprach:
“O Alter, du hast drei Töchter; wenn du mir eine davon gibst, werde ich Weggehen.”
Der Alte sprach:
“Ich werde gehen und es meinen Töchtern sagen; wenn sie zu dir gehen, will ich dir diejenige, die du wünschst, geben.”
Die Schlange kroch heraus und sprach:
“An einem Tag, an dem es regnet, schneit und nebelig ist, wird jemand zu deinem Haus kommen. Gib deine Tochter diesem mit”, und sie machte sich auf ihren Weg.
Der Alte nahm das Holz auf seinen Rücken, ging zu seinem Haus, und nachdem er mit seinen Töchtern Tee getrunken und etwas gegessen hatte, rief er alle drei zu sich und erzählte den Mädchen die Angelegenheit.
“O weh, lieber Vater, du willst uns also einer Schlange geben?”,sprachen die älteste und die mittlere Tocher und gingen von ihm weg. Die jüngste Tochter des armen Mannes hieß Dschemal. Diese jüngste Tochter ging von ihrem Vater nicht weg; sie sprach:
“O lieber Vater, ich werde gehen. Es ist zwar eine Schlange, ich würde aber auch gehen, wenn es ein Schwein wäre. Anstatt daß das Unglück über dein Haupt kommt, möge es über meines kommen. Lieber Vater, weine nicht!” So war sie bereit, ihren Vater aus dem Unglück zu erretten.
Eines Tages fiel ein nasser Schnee und es war ein nebeliger, kalter Tag. Genau zu dieser Zeit kamen zwei Schlangen, die eine weiße Kamelstute führten.
Auf dem Kamel war eine Sänfte. Die zwei Schlangen ließen das Kamel vor dem Hauseingang niederknien und hielten dort an.
Der Alte zog seiner jüngsten Tochter schöne Kleider an und hieß, nachdem er sie in die Sänfte auf das Kamel gesetzt
hatte, dieses aufstehen. Eine jede der Schlangen nahm aus ihrem Mund einen Stein und gab ihn dem Alten. Der Wert eines jeden dieser Steine war vierzig Tuman.
Der arme Mann nahm die beiden Steine, geleitete die Schlangen fort und trat ins Haus. Er nahm seine zwei Töchter und ging zum Bazar, wo er mit den Edelsteinen alle möglichen Dinge kaufte, und kehrte dann wieder nach Hause zurück.
Der alte Mann hörte jetzt auf, Holz zu sammeln, und lebte mit seinen beiden Töchtern.
Hört jetzt von den beiden Schlangen, die gekommen waren. Diese beiden Schlangen spornten das Kamel an, gingen wenig, gingen viel und gelangten zu einem Haus.
Als sie dort angekommen waren, ließen sie das Kamel niederknien und sie ließen das Mädchen allein im Haus zurück. Dschemal dachte sich: “Welche Schlange wird wohl mein Gatte sein?”, und saß in Gram versunken da.
Die Sonne ging unter. Das Mädchen hatte sich nieder-gelassen, als sich in der Nacht die Tür öffnete. Eine große Schlange kam herein und blickte dem Mädchen ins Gesicht.
Da sah die Schlange, daß dies das Mädchen war, das sie gemeint hatte und das sie im Traum gesehen hatte. Die Schlange hielt etwas inne und stieß einen Schrei aus, der ganz sonderbar war. Dem Mädchen wurde schwarz vor den Augen. Als es nach einiger Zeit die Augen wieder aufmachte, saß ein Jüngling da, der das Haus mit seinem Glanz erleuchtete. Wie ihn das Mädchen sah, wunderte es sich und fragte:
“O Jüngling, bist du es, der mich ergriffen hat?” Da sprach der Jüngling:
“Ja, liebe Dschemal, ich bin es”, und er näherte sich dem Mädchen. Sie sprachen diese Nacht viel miteinander und blieben bis zum Morgen auf. Als einmal das Mädchen dem Jüngling ins Gesicht blickte, da war der Jüngling mit einem Mal eine Schlange geworden. Er verließ das Haus und machte sich davon. Da fragte das Mädchen nach seinem Namen und er sprach:
“O Mädchen, ich heiße Chutdy Chumar.”
Die beiden begannen, in dieser Weise zu leben. Wenn die Nacht kam, trat er zum Mädchen in Menschengestalt, wenn der Tag kam, ging er weg in Schlangengestalt. Das Mädchen sagte:
“Zu mir kommt keine Schlange, sondern ein Jüngling”, und freute sich sehr.
Hört nun vom Vater des Mädchens. Der Alte rief seine beiden Töchter zu sich und sprach:
“Meine Töchter, seitdem meine jüngste Tochter weggegangen ist, sind zehn Tage vergangen. Geht sie besuchen und fragt sie, wie es ihr geht”, und er geleitete seine Töchter mit Geschenken auf den Weg.
Diese gingen wenig, gingen viel, gingen einige Tagereisen und gelangten zum Haus ihrer Schwester. Als sie angekommen waren, fragten sie nach ihrem Befinden.
Sie fragten Dschemal:
“Nun, liebe Schwester, wie geht es dir? Ist nicht dein Ehemann eine Schlange?”
Da klärte Dschemal ihre älteren Schwestern auf und sagte:
“Liebe Schwestern, mein Gatte ist ein Jüngling. In der Nacht ist er ein Jüngling, am Tag schweift er als Schlange umher.”
Da sagten die Schwestern:
“O weh, liebe Schwester, wenn dem so ist, dann zieht er am Abend seine Schlangenhaut aus und hat eine Schlangen-haut. Wenn du diese verbrennst, dann wird er ewig ein Jüngling bleiben.” Mit solchen Worten verdrehten sie ihr den Kopf. Sie blieben bis zum Abend und kehrten dann nach Hause zurück.
Am Abend kam Chutdy Chumar zurück. Seine Frau berichtete ihm: “Lieber Chutdy Chumar, meine Schwestern kamen und gingen wieder.” Auch er war froh. “Wenn sie gekommen sind.
so ist das sehr gut”, sprach er, zog seine Schlangenhaut aus, nahm seine Menschengestalt an, aber das Mädchen sah die Schlangenhaut des Jünglings, ging nach draußen und warf Feuer auf die Haut, so daß die Haut verbrannte. Chutdy Chumar wurde zu einer Taube, flog auf und sprach zu seiner Frau:
“O Mädchen, du hast dir selbst etwas angetan. Du hast die Haut verbrannt, jetzt wird es sehr schwierig sein, mich zu finden. Wenn du gehst, mich zu suchen, dann zieh Schuhe aus Stahl an, laß dir einen Stab aus Stahl machen; wenn du sie durchscheuerst und sie dünn werden, dann wirst du mich finden”, und er flog davon.
Nun hört vom Mädchen.
Das Mädchen schlug sich auf die Augen, es schlug sich auf die Knie, wußte nicht, was es tun sollte und verbrachte die Nacht im Haus. Als Dschemal am Morgen aufwachte, war kein Haus mehr da, kein Ding mehr da. Sie lag alleine an einem öden Ort.
Das Mädchen ging zu einem Handwerksmeister und ließ sich Schuhe und einen Stab machen, zog sich die Schuhe aus Stahl an, nahm den Stab in die Hand und ging in die Wüste.
Dschemal ging wenig, sie ging viel, als sie so in der Wüste dahinging, begegnete ihr eine Kamelherde. Sie sagte zum Kamelhirten:
“O Hirte, wem gehören diese Kamele, warum brennen ihre Rücken?”
Der Hirte antwortete:
“Diese Kamele gehören Chutdy Chumar.”
Das Mädchen bekam vom Hirten Brot und Kamelmilch und machte sich dann wieder auf seinen Weg. Es ging wenig, es ging viel, da traf es einen Kuhhirten. Als es auch diesen fragte:
“Wem gehören diese Kühe?”, antwortete der Hirte:
“Diese Herde gehört Chutdy Chumar.”
Das Mädchen fragte:
“Warum brennen die Rücken dieser Kühe?”
Da antwortete der Hirte:
“Chutdy Chumar schweifte früher als Schlange herum.
Seine Frau verbrannte seine Schlangenhaut. Da fing sein Rücken Feuer, doch auch allen Tieren, die ihm gehören, fing der Rücken zu brennen an.”
Als das Mädchen dies hörte, weinte es bitterlich.
Wie der Hirte dies sah, gab er ihm Brot und Milch und geleitete das Mädchen auf seinen Weg.
Das Mädchen ging wenig, ging viel, da begegnete ihm als nächstes eine große Schafherde. Auch allen diesen Schafen brannte der Rücken.
Das Mädchen fragte den Hirten:
“O Hirte, wem gehört diese Herde?”
Der Hirte sprach:
“Sie gehört Chutdy Chumar.”
Der Hirte gab der Frau ebenfalls Brot und Milch und geleitete sie auf ihren Weg.
Die Frau ging wenig, ging viel, da begegnete ihr als nächstes eine Herde Pferde. Auch deren Rücken brannte.
Die Frau sagte:
“Wem gehört diese Viehherde?”
Der Hirte sprach: “Sie gehört Chutdy Chumar.”
Der Frau versagten abermals die Kräfte und sie weinte. Auch dieser Hirte gab der Frau zu essen und geleitete sie auf ihren Weg.
Nun traf die Frau niemand mehr. Sie ging wenig, sie ging viel, da gelangte sie an ein Dorf. Davor lag ein Teich. Um den Teich herum waren Bäume gepflanzt. Ihre Spitzen brannten. Als sich die Frau unter diesen Bäumen hinlegte und einschlafen wollte, sprach sie:
“Ach, ich will einen Schuh ausziehen und dann wieder anziehen”. Als sie ihren Schuh ausziehen wollte, sah sie, daß die Unterseite ein Loch hatte.
Auch der Stab an ihrer Seite war dünn geworden. Da setzte sich die Frau hin und sagte sich: “Jetzt werde ich hier Chutdy Chumar finden.”
Nun hört von Chutdy Chumar.
Chutdy Chumar war bei seiner Mutter. Seine Mutter hatte Chutdy Chumar die Tochter seiner Tante zur Frau gegeben. Früher war Chutdy Chumar von dieser weggelaufen. Als Chutdy Chumars frühere Frau zum Teich kam, um Wasser zu holen, saß da eine Frau.
Sie ging und erzählte ihrem Mann davon.
Als Chutdy Chumar herbeilief, sah er, daß dies seine Frau war. Nachdem sie einander begrüßt hatten, führte Chutdy sie in sein Haus. Als seine Mutter die Frau sah, wurde sie zornig und fing an, nach einem Mittel zu suchen, wodurch sie sie umbringen könnte. Darüber beriet sie sich auch mit der Tochter ihrer Schwester, Chutdy Chumars erster Frau.
So fingen sie an, alle vier zusammen in einem Haus zu leben.
Chutdy Chumar ging am Tag weg und kam in der Nacht zurück. Nachdem er weggegangen war, ließen seine Mutter und seine erste Frau Dschemal arbeiten und machten sich selbst ein schönes Leben. Chutdys Mutter trug Dschemal allerlei schwierige Arbeiten auf.
Eines Tages gab sie Dschemal, ohne daß Chutdy Chumar davon wußte, ein Sieb und sprach:
“Geh und hol mit diesem Sieb Wasser.” Dschemal nahm das Sieb in die Hand und machte sich weinend auf den Weg.
Da begegnete ihr Chutdy Chumar.
“Wohin gehst du?”,fragte er.
Dschemal antwortete: “Deine Mutter befahl, Wasser zu
holen, gab mir dieses Sieb, und jetzt will ich mit diesem Sieb irgendwie Wasser holen. Wenn ich es nicht bringe, wird mich deine Mutter fressen.”
Chutdy Chumar sprach ein Gebet, schüttete Wasser in das Sieb und tatsächlich floß das Wasser nicht heraus. Dschemal brachte das Wasser nach Hause.
Als Chutdy Chumars Mutter das Wasser, das Dschemal brachte, sah, sagte sie: “Dies ist nicht dein Werk, das ist das Werk meines Sohnes.”
Dann gab sie Dschemal zwei Säcke in die Hand und sprach: “Geh, fülle die Säcke mit weißem Taubenflaum.”
Als Dschemal weinend in die Wüste ging, erschien Chutdy Chumar und fragte: “Nun -Dschemal, warum weinst du?” Dschemal gab zur Antwort:
“Ich weine – und wer sollte sonst weinen – , weil mir deine grausame Mutter zwei Säcke in die Hand gab und sagte: ‘Fülle diese mit Taubenflaum, wenn nicht, so werde ich dich töten.’ Ohne zu wissen, was ich tun sollte, nahm ich die Säcke und ging in die Wüste.”
Da sprach Chutdy Chumar:
“O Frau, auch das wird werden, geh, nimm zwei Zelte, breite sie an einem öden Ort aus, öffne dann die Säcke oben, und Flaum wird sie füllen.”
Dschemal ging zum Haus, nahm die Zelte, breitete sie an einem öden Ort aus, und als sie weinte, kamen vom Himmel einige Tauben herab und schüttelten allen ihren Flaum ab. Nachdem Dschemal ihre Säcke mit Flaum gefüllt und auf den Rücken genommen hatte, brachte sie sie nach Hause.
Als sie kam, sprach die Divfrau: “Dies ist nicht dein Werk, das ist das Werk von Chutdy Chumar”, und sie glaubte ihr nicht. Dann gab sie Dschemal einen schwarzen Filz in die Hand und befahl ihr: “Geh und bleiche diesen Filz.”
Dschemal nahm den schwarzen Filz und verließ das Haus, als Chutdy Chumar von neuem erschien. Dschemal weinte und Chutdy Chumar fragte: “Was ist los?” Da sprach Dschemal:
“Ich weine – und wer sollte sonst weinen – , weil deine Mutter mir nun gesagt hat: ‘Geh, bleiche den schwarzen Filz.'”
“Was ist leichter als das?”, sagte er und nahm Dschemal und sprach: “Breite den Filz hier aus und geh zur Seite.”
Dschemal breitete den Filz aus und ging zur Seite; da kam eine Wolke, es fing zu regnen an,und der schwarze Filz wurde schneeweiß.
Dschemal nahm den Filz auf den Rücken und kehrte nach Hause zurück. Doch ihre Verwandte sprach:
“Pah, dies ist nicht dein Werk, das ist das Werk von Chutdy Chumar.” Da merkte das Divweib, daß sie Dschemal nicht so einfach töten konnte.
Daraufhin gab sie Dschemal einen weißen Filz in die Hand und sprach: “Geh, mache einen schwarzen Filz daraus.”
Dschemal hob den weißen Filz auf und ging in die Wüste. Sie setzte sich unter ein Minarett. Als sie sprach:
“Ach, mein Gott, wirst du mich wohl vor dieser grausamen Alten erretten? Befahlst du dieser Alten so schwere Arbeiten?”, kam Chutdy Chumar daher und fragte Dschemal nach ihrem Befinden. Dann sagte er:
“O Dschemal, es wird die Zeit kommen, wo diese schwierigen Tage besser werden; gräme dich nicht. Welchen Auftrag sie dir auch gibt, tu ihn, sage nicht, daß du ihn nicht tun wirst”, machte diesen weißen Filz schwarz und geleitete sie auf ihren Weg mit den Worten: “Geh und bringe ihn zurück.”
Dschemal hob den Filz auf, brachte ihn zurück und warf ihn genau in die Mitte des Hauses.
Nun gab die Alte Dschemal einen Sack mit Erbsen und sagte:
“Geh, mach sie zu Weizen. Wenn du nicht Weizen daraus machst, werde ich dich töten.”
Dschemal nahm den Sack voll Erbsen auf ihren Rücken und ging aus dem Haus nach Nordosten, als sie Chutdy Chumar sah.
Nachdem er gesagt hatte: “Was auch immer diese Frau trägt, es soll Weizen sein”, quoll aus der Sacköffnung Weizen hervor. Als Dschemal sah, daß Weizen hervorquoll, setzte sie den Sack nieder, und wie sie sah, daß die Erbsen zu Weizen geworden waren, freute sie sich, kehrte um, brachte den Sack nach Hause zurück und sagte: “Sieh her, Alte, welchen Auftrag hast du jetzt?”
Da sagte die Alte:
“Es ist nicht deine Sache, solche Dinge auszuführen, dies ist das Werk meines Kindes Chutdy Chumar.”
Als Dschemal zur alten Frau sagte:
“He, Alte, welcher Art ist dein Auftrag, warum befiehlst du so harte Arbeiten?”, da antwortete das alte Weib:
“Mein Sohn ging ohne meine Erlaubnis von mir weg und heiratete ein Menschenkind. Darüber ärgere ich mich und deshalb handle ich so.”
Die Alte konnte, welche Befehle sie ihr auch gab, Dschemals nicht habhaft werden. Sie wollte sie töten, doch sie fürchtete sich vor Chutdy Chumar und wußte nicht, was sie tun sollte. Da sagte sie sich: “Ich werde sie zu meiner
Schwester schicken, diese wird sie töten”, und sprach zu Dschemal:
“Geh, hole aus dem Haus meiner Schwester einen Kamm, ich möchte mir die Haare kämmen.” Daraufhin zeigte sie ihr den Weg. Als Dschemal dahinging, begegnete sie Chutdy Chumar. Er sprach:
“Nun, wohin gehst du?”
Dschemal sagte zu Chutdy Chumar:
“Da mich deine Mutter nicht töten kann, sagte sie:
‘Hole von meiner Schwester einen Kamm, ich möchte mir die Haare kämmen’, schickte mich auf den Weg und gab mir diesen Brief, den sie geschrieben hatte, mit.” Chutdy Chumar zeigte Dschemal den Weg und trug ihr auf:
“Geh auf diesem Weg und du wirst auf eine krumme Weide treffen. Sage zu ihr: “Ach, wie gerade diese Weide ist”,
und geh weiter. Du wirst dann auf eine gerade Weide treffen. Sage zu ihr: “Wie gekrümmt sie ist”, und geh weiter. Wenn du wieder weitergehst, wirst du auf zwei Tore stoßen; das eine ist offen, das andere geschlossen. Schließ das offene Tor und öffne das geschlossene Tor und geh weiter. Dann wirst du an einen trüben Bewässerungskanal gelangen. Sag zu ihm: “Ach, wie klar dieses Wasser ist.” Auf der gegenüberliegenden Seite ist klares Wasser. Sag zu ihm: “Ach, wie trüb dieses Wasser ist.” Dann wirst du einem Hund und einem Kamel begegnen. Vor dem Hund liegt Stroh, vor dem Kamel liegen Knochen. Wenn du sie siehst, wirf dem Hund die Knochen hin, dem Kamel das Stroh und geh weiter. Wenn du gerade weitergehst, gelangst du zum Haus meiner Tante.
Sie wird gehen, ihre Zähne zu wetzen, du aber nimm den Kamm und lauf davon.”
Dschemal bewahrte die Worte, die Chutdy Chumar gesagt hatte, in ihrem Gedächtnis. Sie ging und tat bei all den Dingen, auf die sie stieß, wie er ihr befohlen hatte.
Dann trat sie ins Haus ein mit den Worten: “Sei gegrüßt, Tante.”
Die Frau sprach:
“Sei auch du gegrüßt. Wie geht es dir, meine Liebe? Komm herein”, und nahm sie auf. Dann fragte sie Dschemal:
“Nun, mein Kind, warum bist du gekommen?”
Dschemal gab zur Antwort: “Deine Schwester schickte
mich, einen Kamm zu holen.” Als die Frau diese Worte vernahm, dachte sie sich:
“Ah, da ist eine gute Beute gekommen”, und sie sprach: “Bleib du im Haus, ich will nach draußen gehen, dann will ich dir den Kamm geben.” Sie ging nach draußen, ging aber woanders hin, doch Dschemal nahm den Kamm und machte sich aus dem Staub. Die Frau hatte draußen ihre Zähne gewetzt und heftete sich eilends an ihre Fersen. Die Alte sprach zu ihrem Hund: “He, mein Hund, faß sie!” Ihr Hund wollte sie nicht halten und sagte: “Du hast mir Stroh vorgeworfen, sie hat mir Knochen vorgeworfen.” Daraufhin sagte sie zu ihrem Kamel: “Mein Kamel, faß sie!” Da antwortete das Kamel: “Du hast mir Knochen vorgeworfen, sie jedoch hat mir Stroh gegeben; ich werde sie nicht halten.”
Sie sprach zu ihrem Tor: “He, mein offenes Tor, faß sie!” Da sagte das Tor: “Ich werde sie nicht halten; du hast gesagt, ich soll offen sein, sie hat mich geschlossen.” Daraufhin sprach sie: “Mein geschlossenes Tor, faß sie!”
Das Tor sprach: “Du hast mich geschlossen, sie hat mich geöffnet. Weshalb sollte ich sie halten? Ich werde sie nicht halten.” Dann sagte sie: “O mein klares Wasser, faß sie!” Da sprach das Wasser: “Ich werde sie nicht halten; du hast gesagt, ich sei klar, sie hat mich trüb genannt.”
Dann sprach sie zum trüben Wasser: “O mein trübes Wasser, faß sie!” Das Wasser sprach: “Du hast gesagt, ich sei trüb, sie hat mich klares Wasser genannt. Ich werde sie nicht halten.”
Als sie die Weiden erreicht hatte, sprach sie: “Krumme Weide, faß sie!” Die Weide sprach: “Du hast mir gesagt, ich sei krumm, sie sagte, ich sei gerade. Weshalb sollte ich sie halten?” Dann sagte sie zur geraden Weide: “O meine gerade Weide, faß sie!” Die Weide sprach: “Du hast mich gerade genannt, sie hat mich krumm genannt. Warum sollte ich sie halten?”
Keines dieser Dinge hielt sie, und Dschemal brachte den Kamm nach Hause.
Daraufhin wollte die Alte Dschemal verbrennen. Sie tat Chutdy ‘Chumar ins Haus und sagte: “Steig du ins Wasser.”
Chutdy Chumar trat ins Haus, und als er ins Wasser stieg, schüttete die Alte Öl auf Dschemal und war dabei, sie anzuzünden. Chutdy Chumar merkte dies, band sofort zwei Tauben zusammen und steckte sie ins Wasser, kam selbst heraus, wurde eine Wolke und fing an, auf Dschemal zu regnen. Die Alte merkte von diesen Dingen nichts.
Nachdem Chutdy Chumar Dschemal befreit hatte, band er an ihre Stelle seine frühere Frau, füllte alle Schüsseln und Schalen mit Öl und machte sich mit Dschemal auf die Flucht.
Als die Alte aus dem Haus trat, brannte schon das Haus. Chutdys frühere Frau sah die Alte und sprach:
“O weh, ich brenne, liebe Tante.” Die Alte sagte:
“Geh zum Teufel, mein Kind, geh zum Teufell”
Sie schrie auch dorthin, wo Chutdy Chumar ins Wasser gestiegen war: “Geh zum Teufel, mein Kind!”, doch es regte sich nichts. Als sie das Tor zerschlug und eintrat, war niemand drin. Die Alte kam wieder heraus und sah, als sie ans Feuer kam, daß die Tochter ihrer eigenen Schwester verbrannte.
Als sie das Feuer auslöschen wollte und in der Meinung, in den Schüsseln wäre Wasser, dieses ausschüttete, da brannte das Feuer noch viel stärker. Sie nahm die Gefäße, füllte sie mit Wasser aus dem Teich, doch als sie zurückkam, war die Tochter ihrer Schwester schon verbrannt und zu Asche geworden.
Die Alte wurde über dieses Ereignis wie von Sinnen, sie schlug ihre Hände zusammen und schlug ihren Rockschoß zusammen. Als sie aus dem Dorf kam, sah sie Chutdy und Dschemal am Horizont in der Wüste gehen. Die Alte machte sich auf ihre Verfolgung und lief ihnen nach. Als sie dabei war, sie einzuholen, verwandelte Chutdy Dschemal in eine Melone und sich selbst in einen Wächter. Als die Alte herankam, fragte sie:
“He, Wächter, ging hier ein Mädchen mit einem Jüngling
vorbei?” Chutdy Chumar sprach:
“Hier werden keine Melonen verkauft.”
Die Alte sprach von neuem:
“Ich habe dich gefragt, ob hier ein Jüngling mit einer Frau vorbeigegangen ist.”
Chutdy sagte wieder:
“Die Melone ist nicht verkäuflich.”
Die Alte machte sich auf die Verfolgung, und nachdem sie ein beträchtliches Stück gegangen war, fingen diese beiden wieder zu laufen an. Auf einmal sah sie die Alte schnell, dahinlaufen. Sie fing von neuem zu laufen an. Diese flohen, sie verfolgte sie. Als sie dabei war, sie einzuholen, verwandelte Chutdy Dschemal in eine Mühle, er selbst wurde zum Müller, der die Mühle betrieb.
Die Alte kam und fragte:
“O mein Freund, sind hier ein Jüngling und ein Weib vorbeigekommen?” Chutdy Chumar gab zur Antwort:
“Die Mühle dreht sich nicht.”
Von neuem sagte die Alte:
“O Freund, ich habe nicht nach dem Drehen gefragt, vielmehr ob eine Frau und ein Jüngling hier vorbeigekommen sind.”
Da sagte Chutdy Chumar:
“Ja, es ist jetzt schon ein Jahr, daß sich die Mühle nicht dreht.”
Die Alte wurde ärgerlich und machte sich wieder auf die Verfolgung. Nachdem sich die Alte ein gutes Stück entfernt hatte, fingen die beiden wieder zu laufen an.
Nach einiger Zeit sah sie die Alte schnell dahinlaufen.
Sie lief ihnen wieder nach und hatte sie auf ihrer Verfolgung schon fast erreicht. Da verwandelte Chutdy Chumar Dschemal in ein Schaf, wurde selbst zum Hirten, sagte “Hü!”, nahm seinen Stock auf seine Schulter und ging hinter den Schafen her. Die Alte kam heran und sprach:
“Ich habe einen Jüngling und eine Frau verloren. Ich suche sie. He, sind sie hier vorbeigekommen?” Der Hirte sagte:
“O Mutter, ich fürchte mich vor dem Baj, sonst würde ich dir etwas verkaufen.”
Die Alte sagte:
“Ach nein, ich brauche keine Milch, ich fragte viel¬mehr, ob hier ein Jüngling und ein Mädchen vorbeigekommen sind.”
Da sagte der Hirte:
“Ach nein, von unseren Schafen hat keines gelammt, der Baj kommt auch gleich.”
Die Alte wurde zornig und sprach: “Du verstehst nicht, was ich gesagt habe, und ich versstehe nicht, was du gesagt hast.”
Die Alte machte sich wieder auf die Verfolgung. Nachdem sie ein gutes Stück gegangen war, fingen die beiden wieder zu laufen an. Auf einmal sah sie die Alte schnell dahinlaufen. Sie fing von neuem an, ihnen nachzulaufen.
Als sie die Alte fast eingeholt hatte, machte Chutdy Chumar einen Fluß und verwandelte Dschemal in eine Rose, die mitten im Fluß wuchs. Er selbst wurde zu einer Nachtigall und zwitscherte.
Die Alte erreichte den Fluß. Da sah sie in der Mitte einen Rosenstrauch und eine Nachtigall, die zwitscherte.
Da sagte die Alte zu ihnen: “Ihr seid wahrscheinlich Chutdy Chumar und Dschemal!” Sie konnte aber nicht in den Fluß hineingehen und mußte zurückkehren.
Die Alte ging wenig, sie ging viel und kam wieder in ihr Haus. Sie ärgerte sich sehr darüber, daß sie die beiden nicht ergreifen konnte. Da blieb sie in ihrem Haus und ging nirgends mehr hin.
Chutdy Chumar und Dschemal kamen zu ihrem armen Vater, und als sie zu ihm gekommen waren, erzählten sie der Reihe nach alles, was ihnen zugestoßen war. Auch Chutdy Chumar blieb an diesem Ort.
So hatten sie ihr Ziel erreicht und waren glücklich. Myratchan kam auch zur Mühle, und als er von der Mühle, wo er Mehl hatte mahlen lassen, zurückkam, riß sein Sack und alles Mehl wurde auf der Erde verschüttet.