Der furchtsame Chudajberdi und der Fuchs

Es war einmal und es war einmal nicht, es war einmal ein Mann mit Namen Chudajberdi. Dieser hatte zwei Frauen. Eines Tages hatte eine jede dieser Frauen einen Baumwollstoff gewebt. Chudajberdi setzte sich auf sein Pferd, um sich aufzumachen, diese Stoffe zu verkaufen. Als er zum Bazar aufbrach, trugen ihm die Frauen auf, Halva und Süßigkeiten zu kaufen. Als er nun auf seinem Pferd dahintrabte, tauchte vor ihm ein Fuchs auf.
Dieser sprach: “Chudajberdi, wohin gehst du, he?”
Der furchtsame Chudajberdi antwortete:
“Ach, meine Frauen haben ein, zwei Baumwollstoffe gewebt, und sie schickten mich fort, um sie zu verkaufen.”
Da sagte der Fuchs:
“Geh nicht, sie auf dem Bazar zu verkaufen. Verkauf sie mir! Sobald du vom Bazar zurückkommst, werde ich vor dir erscheinen und dir dein Geld geben.”
Da sagte der furchtsame Chudajberdi:
“Es soll so sein, doch laß mich nur nicht lange warten. Wenn ich vom Bazar zurückkomme, so stelle dich ein; halte dich bereit!”
“O, sei nur ruhig”, antwortete der Fuchs, “ich werde für dich dein Geld schon bereit halten.”
Der furchtsame Chudajberdi glaubte seinem Wort, ging zum Bazar und spazierte, als er dort angekommen war, herum.
Er ging auf dem Bazar johne Geld herum und konnte die Dinge, die ihm seine Frauen aufgetragen hatten, nicht kaufen. Darauf stieg er auf sein Pferdchen und machte sich auf den Rückweg. Auf dem Weg trällerte er vor sich hin, hoch zu Roß, die Pelzmütze schief auf dem Kopf, denn er wird ja vom Fuchs Geld bekommen. Wie er zu dem Ort kommt, wo er seinen Stoff weggegeben hatte, wo ist da der Fuchs, wo das Zeug, wo das Geld? Es herrscht Grabesstille. Der furchtsame Chudajberdi stand mit offenem Mund da, wartete lange und kehrte dann um. Er kam nach Hause, stieg vom Pferd, nahm den leeren Quersack unter den Arm und trat ins Haus.
Beide Frauen sagten sofort:
“Hast du Süßigkeiten gebracht? Hast du Halva gekauft?” Doch als sie seinen Quersack nahmen, sahen sie, daß er leer war.
“Nun, warum hast du die Sachen, die wir dir aufgetragen haben, nicht gekauft?”, fragten sie.
Der furchtsame Chudajberdi gab zur Antwort:
“Ach, Frauen, der Fuchs nahm die Baumwollstoffe und sagte, er werde mir mein Geld auf dem Rückweg geben. Als ich vom Bazar zurückkam, waren weder der Fuchs noch das Zeug da. ”
Darauf fingen die Frauen an, ihn anzuschreien:
“Was für ein Mann bist du? Ja nimmt man denn vom Fuchs Geld? Hast du denn je von jemand gehört, der mit dem Fuchs Handel treibt? Du hast dich von einem Fuchs, der sein Spiel mit dir trieb, täuschen lassen.” So sagten sie und schlugen auf ihn ein.
Um ihn auf die Probe zu stellen, webten seine Frauen bis zum nächsten Markttag wieder zwei Baumwollstoffe. Er legte sie auch in den Quersack, schnürte ihn zu, band ihn seinem Pferd auf den Rücken, setzte sich selbst auf das Pferd und machte sich auf den Weg zum Bazar. Als er dahinritt, tauchte wieder ein Fuchs vor ihm auf und rief:
“He, Chudajberdi, wohin gehst du, he?”
Der furchtsame Chudajberdi sprach: “Ich gehe zum Bazar,
um Baumwollstoff zu verkaufen.”
Da sagte der Fuchs:
“Ach, verkauf ihn mir, anstatt ihn zum Bazar zu bringen
Der furchtsame Chudajberdi entgegnete:
“Nein, nein, ich gebe meinen Baumwollstoff keinem Fuchs Du hast mich schon einmal betrogen und mich um mein Geld gebracht.”
Da gab der Fuchs zur Antwort:
“Ich habe dich niemals betrogen. Ich halte mein Wort. Das war der Graufuchs, der dich um dein Recht gebracht hat.” Und er nahm ihm seinen Baumwollstoff aus der Hand und sagte:
“Wenn du vom Bazar zurückkommst, dann bleib hier stehen ich werde dir dein Geld bringen.”
Der furchtsame Chudajberdi gab dem Fuchs seinen Baumwollstoff auf Borg und ging zum Bazar. Als Chudajberdi zum Bazar kam, band er sein Pferd an, sagte sich, daß er auf dem Weg seinen Baumwollstoff leicht verkauft habe, und spazierte auf dem Bazar ruhig umher. Auf einmal kam ihm zum Bewußtsein, daß seine Tasche leer war, er erinnerte sich, daß er seinen Baumwollstoff weggegeben hatte, und machte sich auf den Heimweg. So stieg der furchtsame Chudajberdi schnell auf sein Pferdchen und ritt vom Bazar nach Hause zurück.
Als er zu der Stelle kam, wo er vorher seinen Baumwollstoff weggegeben hatte, sah er, daß der Fuchs wieder nicht da war. Er wartete, bis er müde wurde, doch niemand kam; er hielt von neuem Ausschau, dann machte er sich auf den Heimweg. Als er zuhause ankam und ihn die eine von seinen Frauen sah, lief sie ihm entgegen und fragte:
“Nun, hast du den Baumwollstoff gut verkauft?”
“O Frau, wieder ist nichts daraus geworden, ach, von neuem hat mich der Fuchs getäuscht”, sagte Chudajberdi und ließ den Kopf hängen.
Darauf überlegten die beiden Frauen wieder, was sie jetzt mit ihm machen sollten. Da kamen sie beide überein,
es zu versuchen, ihm etwas Tapferkeit beizubringen. Eines Tages sagte Chudajberdi zu seinen Frauen am Abend:
“Ich fürchte mich vor dem Fuchs. Kommt mit mir aufs Feld!”
“Gut!”, sagten seine Frauen und gingen mit ihm aufs Feld.
Sie führten ihn aus dem Haus. Der furchtsame Chudajberdi saß auf dem Feld. Eine jede seiner Frauen saß ihm zur Seite. Auf einmal rannten sie beide weg. Die zwei Frauen traten ins Haus, schlugen die Tür von innen aus zu und ließen Chudajberdi nicht ins Haus. Der furchtsame Chudajberdi schrie draußen ängstlich: “Ach Frauen, öffnet die Tür, der Fuchs tötet mich doch.” Aber die Frauen öffneten die Tür nicht, vielmehr reichten sie ihm durch das Loch eine Stange und sagten:
“Hier nimm und erschlag damit den Fuchs!”
Chudajberdi nahm die Stange, schwang sie um sich herum, doch erreichte er den Fuchs damit nicht. Da schrie er:
“O Frauen, öffnet jetzt die Tür, jetzt mangelt es mir nicht mehr an Tapferkeit!”
Seine Frauen machten einige Zeit darauf die Tür auf, und der furchtsame Chudajberdi trat ins Haus und sagte:
“Ach Frauen, ich bin ein solcher Held geworden, daß ich mich jetzt vor nichts mehr fürchte.”
Als Chudajberdi eines Tages irgendwohin ging, traf er auf das Steißbein eines Esels. Er hob es auf und steckte es unter den Arm. Er ging wieder weiter, da traf er auf eine Schildkröte. Auch diese nahm er unter den Arm. Als er wieder weiterging, traf er auf einen Feldhahn, den er ebenfalls unter den Arm steckte. Er ging wieder weiter.
Da traf er auf ein Ei; auch dieses steckte er unter den Arm. Als nun Chudajberdi mit diesen Dingen unter dem Arm dahinging, begegnete er einigen Diven. Da fragten ihn die Dive:
“Was ist dein Name?”
“Man nennt mich den tapferen Chudajberdi.”
“Komm, setz dich her.”
Er setzte sich, und die Dive sagten zu ihm:
“Wir haben auch einen Helden, willst du mit ihm kämpfen?
“Ich will kämpfen”, gab Chudajberdi zur Antwort.
Die Dive riefen ihren Ringer und ließen ihn mit Chudajberdi kämpfen. Die beiden fingen an zu ringen. Der Ringer der Dive drückte den tapferen Chudajberdi zusammen und wollte ihn in Stücke reißen. Da traten Chudajberdi die Augen heraus, und sie richteten sich gen Himmel. Dies kam dem Ringer der Dive seltsam vor,und er fragte:
“Nun, tapferer Chudajberdi, warum blickst du nach oben?”
“Warum ich nach oben blicke ist, weil ich überlege, neben welchen Stern am Himmel ich dich werfen soll.”
Da sagte der Ringer der Dive:
“Trennen wir uns doch, du wirst mich töten. Sag, was du haben willst; wenn du mich freiläßt, wirst du es bekommen.”
Da gaben sie dem furchtsamen Chudajberdi einige Dinge. Darauf fragte der tapfere Chudajberdi prahlerisch die Dive:
“Sollen wir unsere Läuse vergleichen?”
Die Dive sprachen:
“Gut.”
Die Dive holten eine Laus heraus, eine blaue Laus,genaus groß wie eine Faust. Der tapfere Chudajberdi holte die vorher aufgelesene Schildkröte heraus und ließ sie los.
“Da”, sprachen sie, “geht sie, mit einem Deckel darauf.” Die Dive seufzten tief auf und staunten und wunderten sich.
Da sprach von neuem der tapfere Chudajberdi:
“Sollen wir unsere Flöhe vergleichen?”
Die Dive sagten:
“Ja.”
Die Dive holten einen Floh heraus und dieser war ebenfalls so groß wie eine Faust. Der tapfere Chudajberdi holte den Hahn von vorher heraus und dieser fiel mit den Flügeln schlagend zu Boden.
Da sagten die Dive:
“O, der hat einen Hahnenkamm darauf”, und sie verwunder ten sich.
Wieder sagte der tapfere Chudajberdi zu den Diven: “Sollen wir unsere Achselhaare vergleichen?”
Wieder sagten die Dive:
“Vergleichen wir sie.”
Die Dive zogen eines heraus, zeigten es vor, und es war eine Spanne lang. Der tapfere Chudajberdi zog das Steißbein des Esels von vorher hervor.
Da wunderten sich die Dive und sprachen:
“O, das hat ja ein Steißbein daran.”
Wiederum fragte der tapfere Chudajberdi:
“Sollen wir zusammen das Fett der Erde herausholen?”
Die Dive antworteten:
“Holen wir es heraus.”
Die Dive klopften auf die Erde, so daß die Erde erbebte Darauf grub der tapfere Chudajberdi das Ei von vorher in die Erde, klopfte, und es floß dann der Eidotter aus der Erde.
Da verwunderten sich die Dive und sagten zueinander:
“O, dieser hat das Fett der Erde herausgeholt.”
Da sagte der tapfere Chudajberdi:
“Sollen wir einen Baum abbrechen?”
Die Dive sprachen:
“Brechen wir einen ab.”
Die Dive stießen gegen einen Baum und brachen ihn ab. Der tapfere Chudajberdi aber kam und holte einen Strick. Diesen band er und wand er um alle Bäume herum.
Als die Dive dies sahen, sagten sie:
“Nun, tapferer Chudajberdi, warum machst du das?”
“Ich werde nicht nur durchforsten, sondern mit einem Schlag alle zusammen abbrechen.”
“O du Held, tapferer Chudajberdi, halt ein, du bringst uns um alle unsere schattigen Bäume, die von unserem Vater stammen”, riefen sie da und rissen ihn zurück.
Daraufhin sagten die Dive:
“Jetzt iß mit uns eine Mahlzeit. Wenn du sie zu Ende bringst, unterwerfen wir uns dir.”
Der tapfere Chudajberdi sprach:
“Was immer ihr sagt, mache ich.”
Darauf füllten sie einen Kessel mit vierzig Henkeln mit Pilau. Die Dive aßen zusammen davon, aber sie konnten die Mahlzeit nicht zu Ende bringen. Da setzten sie den Kessel vor den tapferen Chudajberdi. Als die Dive einmal hinausgingen, grub der tapfere Chudajberdi ein Loch und schüttete den Pilau vom Kessel hinein. Wie nun die Dive wieder zur Tür hereinkamen, leckte er den Boden des Kessels ab. Als die Dive dies sahen, sagten sie sich, daß der Gast aufgegessen hatte und waren ganz erstaunt.
Da berieten sich die Dive und sprachen zueinander:
“Laßt uns diesen am Abend, wenn der sich niederlegt, töten. Wenn wir ihn nicht einträchtig vernichten, wird er uns keine Freude bereiten”
Später am Abend bedeckte sich der tapfere Chudajberdi mit einem Pelz und legte sich nieder. Da er wußte, daß ihn die Dive in der Nacht töten wollten, legte er unter das Fell einen großen Stein, bedeckte ihn gut und legte sich selbst abseits. In der Nacht kamen die Dive und fingen an, mit einem Stock auf den fellbedeckten Stein, der da lag, einzuschlagen. Sie schlugen und schlugen und sagten sich, daß sie ihn nun getötet hatten.
Der tapfere Chudajberdi stand am Morgen auf, ging bei den Diven zur Tür hinein und sagte:
“He, ich dachte am Abend, daß ein kleiner Regen herabtröpfelte und konnte nicht ruhig schlafen.”
“O, er glaubt, daß dies ein Tröpfeln war, was kann man da tun?”, sagten sich die Dive und wurden nachdenklich.
Am folgenden Abend legte sich der tapfere Chudajberdi in einen Stapel aufgehäufter Zweige. Da er wußte, daß die Dive von neuem kommen würden, legte er jedoch in die Zweige einen großen Stein und legte sich selbst abseits. Als die Dive kamen, zündeten sie die Zweige an. Am nächsten Tag ging der tapfere Chudajberdi wieder zu den Diven und sagte:
“He, am Abend wurde mein Körper ziemlich warm, ich glaube, es hat weh getan.”
Da sagten die Dive zueinander:
“Geben wir ihm, was er will, und bringen wir ihn heil und gesund nach Hause!” Sie stopften seinen Quersack voll mit Dingen, setzten ihn auf einen Div und schickten ihn nach Hause. Der Div, der ihn trug, sagte:
“Tapferer Chudajberdi, warum hast du, wenn du soviel gegessen hast, kein Gewicht?”
Da sprach Chudajberdi: “Ich ruhe nicht mit meinem Gewicht auf dir; ich habe einen Strick am Himmel, daran hänge ich. ”
Da sprach der Div:
“Nun, hänge dich nicht an den Strick, laß dein Gewicht auf mir ruhen.”
Der tapfere Chudajberdi hatte ein Schnitzmesser an der Hüfte, das stieß er dem Div ins Rückgrat.
“Au”, schrie da der Div, “du Held, häng dich wieder ans Seil!”
Nun, darauf kam Chudajberdi auf dem Div nach Hause.
Als ihn der Div herabgelassen hatte, kehrte er um.
Auf dem Rückweg begegnete er einem Fuchs.
“Nun, Div, woher kommst du?”, fragte dieser.
“Ich habe gerade den tapferen Chudajberdi nach Hause gebracht”, antwortete der Div.
Der Fuchs sagte:
“Geh, ich will dir deine Sachen von ihm zurückholen.
Ihr nennt ihn den tapferen Chudajberdi, wir nennen ihn den furchtsamen Chudajberdi. Ich habe ihm seine Baumwollstoffe abgenommen.”
Der Div glaubte dies nicht.
Da sprach der Fuchs zum Div:
“Wenn du es nicht glaubst, leg mir einen Strick um den Hals.”
Nachdem sich der Fuchs um seinen Hals einen Strick hatte legen lassen, ging er vor dem Div her, und sie gelangten zum Haus des furchtsamen Chudajberdi. Der furchtsame Chudajberdi kletterte auf sein Haus und rief:
“He, Fuchs!”
Der Fuchs erwiderte den Ruf.
“Dein Vater”, schrie Chudajberdi, “schuldet mir drei Dive, und du bringst mir einen einzigen Div?”
Da nahm der Div den Fuchs beim Schwanz, rief:
“Du bringst mich, um die Schuld deines Vaters zu bezahlen”, schleuderte ihn auf die Erde und gab Fersengeld.
So nahm Chudajberdi den Namen eines Helden an. Er war ein reicher Mann in seinem Dorf und lebte ein glückliches Leben.
Von da an nannte ihn niemand mehr den furchtsamen Chudajberdi. Vielmehr nannten ihn die großen Leute den Helden Chudajberdi oder den tapferen Chudajberdi und erwiesen ihm viel Ehre.