Der Papagei

In alter Zeit lebte einmal ein Padischah. Dieser Padischah besaß einen sehr guten Papagei. Der Padischah hatte diesen Vogel nicht weniger lieb als seinen eigenen Sohn.
Eines Tages beschlossen die Verwandten dieses Papageis, ein Fest zu feiern, und sie benachrichtigten auch den Papagei davon.
Der Papagei sprach zum Padischah:
“O mächtiger Padischah, ich habe eine Bitte.”
Der Padischah sprach:
“Sag deine Bitte.”
Der Papagei sagte, daß seine Brüder ein Fest veranstalten wollten, und bat um die Erlaubnis, drei Tage dorthin gehen zu dürfen.
Der Padischah gab dem Papagei die Erlaubnis hinzugehen .
Der Padischah hatte auch einen Wesir. Als der Wesir hörte, daß dem Vogel die Erlaubnis gegeben wurde, sagte er zum Padischah: “Laß den Vogel nicht los, wenn er geht, kommt er nicht mehr zurück.”
Der Padischah sagte aber, daß er zurückkommen werde. Schließlich gingen die beiden eine Wette ein.
Der Padischah sprach: “Wenn der Papagei nach drei
Tagen nicht zurückkommt, gebe ich dir mein Reich. Wenn er nach drei Tagen zurückkommt, dann wird dein ganzer Besitz mein Eigentum. Dich selbst werde ich aus dem Wesirsamt entlassen.” Sie schlossen so einen Vertrag ab und setzten beide ihr Siegel darunter.
Dann erlaubte der Padischah dem Vogel wegzufliegen und ließ ihn frei.
Als der Padischah den Vogel frei ließ, erzählte er dem Vogel auch die zwischen dem Wesir und ihm abgemachte Wette.
Der Vogel blieb beim Fest seiner Brüder drei Tage und bat dann um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen.
Die Brüder erlaubten ihm dies und gaben ihm für den Padischah einen Pfirsichkern als Geschenk mit.
Der Papagei erschien nach drei Tagen wieder am Hof des Padischahs.
Der Padischah freute sich darüber, daß der Vogel gekommen war, er versammelte alle Leute und rief auch den Wesir.
Als der Wesir kam, saß der Papagei an seinem Ort.
Der Papagei begrüßte den Wesir. Der Padischah zeigte allen Leuten den Vertrag. Dann verleibte er den Besitz des Wesirs seinem Reich ein. Ihn selbst entließ er aus dem Wesirsamt.
Der Papagei gab den mitgebrachten Kern dem Padischah und sprach:
“O mein Padischah, wenn du diesen Kern einpflanzt, wird er in einem Monat zum Baum werden, in einem Monat auch Früchte tragen.”
Der Schah rief sofort seinen Gärtner und befahl ihm, den Kern einzupflanzen.
Nachdem der Kern eingepflanzt worden war, wuchs er in einem Monat zum Baum heran, in einem Monat trug er auch Früchte.
Eines Tages kam der Gärtner zum Padischah und sprach:
“O mächtiger Padischah, der Pfirsichkern, den der Papagei mitgebracht hat, ist in einem Monat zum Baum geworden, in einem Monat hat er auch Früchte hervorgebracht. Jetzt ist die Zeit gekommen, die Pfirsiche zu essen.”
Der Padischah sprach zum Gärtner: “Bring welche her.”
Der Gärtner ging und füllt eine Schale mit Pfirsichen.
Als er zurückkam, ging er an dem Ort, an welchem der Wesir
wohnte, vorbei. Der Wesir fragte den Gärtner, was es sei, das er bringe. Der Gärtner antwortete, daß er gehe, um dem Padischah die Pfirsiche zu zeigen, die von dem vom Vogel gebrachten Kern stammten.
Da sagte der Wesir: “Wenn dem so ist, so gib, ich
möchte sie auch meinen Kindern zeigen”, trug sie ins Haus, durchbohrte die Pfirsiche und goß Gift hinein. Dann gab er die Pfirsiche dem Gärtner zurück.
Nachdem der Gärtner gegangen war, ging ihm der Wesir nach und gelangte zum Padischah.
Als der Padischah von den Pfirsichen essen wollte, sprach der Wesir:
“O Padischah, dies ist Obst, das ein Vogel gebracht hat. Eßt es nicht selbst als erster, sondern gebt einem Tier ein Stück. Dann eßt selbst.” Der Padischah gab einem Windhund, der an der Tür stand, ein Stück, und der Wind¬hund verendete sofort, als er es gegessen hatte.
Da wurde der Padischah zornig, ergriff den Papagei bei den Füßen, warf ihn auf die Erde und tötete ihn. Der Wesir freute sich und sagte sich, daß ihm der Padischah von neuem die früheren Aufgaben übertragen würde, und er kehrte in sein Haus zurück.
Nun vernehmt von jemand anderem. Im Kerker des Padischah lagen ein Mann und eine Frau von über siebzig Jahren. Eines Tages sprachen diese:
“Im Garten des Padischah gibt es einen Pfirsichbaum: wer davon ißt, stirbt.” Sie entflohen beide dem Kerker und gingen in den Hof, in dem dieser Pfirsichbaum gepflanzt war.
Die Wächter des Padischah waren ihnen auf den Fersen. Da sprachen die Alten: “Es ist besser, wenn wir sterben, als wenn wir von neuem diesen in die Hände fallen und im Kerker leben”, und sie aßen vom Pfirsichbaum. Da wurden jedoch beide fünfzehn Jahre alt.
Als die Wächter in den Garten blickten, fanden sie die Alten nicht und fragten eben diese Alten, die fünfzehn Jahre alt geworden waren:
“Irgendwie sind zwei Leute aus dem Kerker entflohen und hierher gekommen. Jetzt können wir sie nicht finden. Habt ihr sie nicht gesehen?”
Sie aber sagten:
“Wir sind es, die aus dem Kerker entflohen sind.
Wir haben von diesen Pfirsichen gegessen, um zu sterben, aber wir wurden fünfzehn Jahre alt”, und sie fingen wieder an, Pfirsiche zu essen.
Die Wächter meldeten dem Padischah diesen Vorfall.
Der Padischah kam und sah, daß es so war, wie sie gesagt hatten. Daraufhin fragte er den Gärtner:
“Hat, als du mir die Pfirsiche brachtest, irgendjemand sie dir aus der Hand genommen?”
Der Gärtner antwortete:
“Der Wesir nahm sie mir aus der Hand, mit den Worten, er wolle sie seinen Kindern zeigen.”
Da erkannte der Padischah, daß dies das Werk des Wesirs war, und er verurteilte ihn zum Tode. Daß er aber den Papagei getötet hatte, darüber war er sehr traurig.