Der Sohn des Div

Es war einmal und es war einmal nicht, es waren einmal eine Frau und ihr Sohn. Die Frau hatte keinen Mann, sie war eine Witwe. Wenn die Frau im Herzen traurig war, ging sie mit ihrem Sohn auf den Feldern spazieren.
Als die Frau eines Tages dahinspazierte, sah sie am Eingang eines Loches einen verwundeten Div liegen. Der Div sagte: “Ich bin dein älterer Bruder.” Die Frau ging wieder
weiter. Da sah sie auf der gegenüberliegenden Seite ein Loch, wo ebenfalls ein Div war. Dieser Div sagte zur Frau:
“Ich bin dein Ehemann.”
Daraufhin kehrte die Frau mit ihrem Sohn nach Hause zurück. Als eines Tages danach ihr Sohn einmal wegging, brachte die Frau den Div, der sich am Loch aufhielt und gesagt hatte, daß er ihr Mann sei, nach Hause und versteckte ihn in einer Truhe. Ihr Sohn wußte nichts davon. Die Frau begann, mit dem Div zu leben, ohne es ihren Sohn wissen zu lassen.
Eines Tages gebar diese Frau einen Sohn. Dieser Junge wurde von Tag zu Tag größer und stärker. Die beiden Söhne der Frau hatten sich gern.
Eines Tages ging der große Sohn der Frau irgendwohin. Als die Zeit der Rückkehr kam, wollte der kleine Sohn zu ihm hinausgehen. Seine Mutter wollte ihn nicht gehen lassen. Der Junge floh und kam nach einer halben Tagesreise zu seinem großen Bruder. Er ging zu ihm und sprach:
“Meine Mutter brachte einen Div nach Hause und versteckte ihn in einer Truhe. Komm, jetzt wollen wir ein Mittel finden, diesen Div zu töten.” Der kleine Bruder sagte weiter:
“Wenn wir zurückkehren, sage ich meiner Mutter, sie soll mir meine Schleuder aus der Truhe geben. Meine Mutter wird schimpfen und sie nicht herausnehmen wollen. Wenn du dann sagst:
‘Er ist ein Junge, er soll nicht traurig sein, geben wir sie ihm’, wird sie die Truhe öffnen. Sobald die Truhe geöffnet wird, schreie ich: ‘In der Truhe liegt ein Div!’, und schlage ihm mit dem Säbel den Kopf ab.”
Dann gingen die beiden Arm in Arm nach Hause. Als sie da waren, sprach der Kleine:
“Mutter, gib mir meine Schleuder aus der Truhe.” Seine Mutter sagte:
“Wozu brauchst du jetzt deine Schleuder”, und schimpfte auf den Jungen.
Da sagte der große Sohn:
“Er ist ein Junge, geben wir sie ihm.”
Die Frau wußte nicht, was sie tun sollte, und öffnete die Truhe. Da sagte der Junge:
“In der Truhe liegt ein Div”, und schlug seinem Vater den Kopf ab. Der große Sohn hieb auch sofort seiner Mutter den Kopf ab.
Nun lebten diese beiden Jungen zusammen. Der kleine Junge wurde von Tag zu Tag stärker. Als die beiden eines Tages ihre Kräfte maßen, konnten sie einander nicht niederwerfen.
Eines Tages sprach der ältere Bruder zum jüngeren:
“Wir wollen gehen und uns nach einer Arbeit umsehen.
Da du noch jung bist, will ich gehen.” Dann hängte er seinen Säbel an den Ehrenplatz des Hauses und sprach:
“Wenn mir auf meinem Weg etwas zustößt, tropft von diesem Säbel Blut. Wenn es mir gut geht, tropft öl.” Er trug ihm auf: “Wenn nun Blut tropft, suche nach mir.” Nachdem er so gesprochen hatte, ging der ältere Bruder, fand an
einem Ort Arbeit und nahm sich eine Frau. Wie er so lebte, dachte der kleine Bruder an seinen älteren Bruder, und als er auf den Säbel blickte, sah er, daß von ihm in dicken Tropfen öl herabtropfte.
Nun hört vom älteren Bruder. Als dieser eines Tages von der Arbeit zurückkam, die Tür öffnete und ins Haus trat, plauderte gerade seine Frau mit einem Mädchen. Wie der Jüngling eintrat, flog das Mädchen zum Gözenek hinaus.
Der Jüngling wunderte sich und fragte seine Frau über sie aus. Sie sprach: “Dies ist die Tochter des vieräugigen
Div.” Am nächsten Tag ging der Jüngling diesem Mädchen nach. Als seine Frau zu ihm sagte: “Du kannst sie nicht ergreifen”, hörte er nicht darauf.
Wie er dahinging, traf er einen Kamelhirten. Der Hirte sagte:
“Nun Jüngling, wohin?”
Der Jüngling sprach:
“Die Tochter des vieräugigen Div zu ergreifen.”
Der Hirte sprach:
“Ich lasse diese beiden Kamele miteinander kämpfen, wenn du sie trennen kannst, ergreifst du sie, wenn nicht, ergreifst du sie nicht.”
Der Hirte ließ die Kamele miteinander kämpfen. Als der Jüngling versuchte, sie zu trennen, gab ihm ein Kamel einen Schlag. Der Jüngling wankte und fiel schwer auf den Boden.
Der Hirte sprach:
“Du wirst sie nicht ergreifen können.” Der Jüngling ging weiter. Als er dahinging, traf er einen Mann mit einem Hund. Der Jüngling sagte auch ihm, daß er die Tochter des vieräugigen Div ergreifen wollte.
Da sagte der Mann mit dem Hund:
“Ich lasse diesen meinen Hund los, wenn du dich gegen ihn verteidigen kannst, wirst du sie bekommen, wenn nicht, dann nicht.” Dann ließ er seinen Hund los. Der Jüngling konnte sich gegen ihn nicht verteidigen. Da sprach der Mann: “Du wirst die Tochter des vieräugigen Div nicht ergreifen können”, und der Jüngling ging weiter. Als er dahinging, traf er auf Leute, die zwei Balken warfen. Sie sagten zu ihm:
“Wenn du diese Balken so weit, wie wir sie werfen, werfen kannst, wirst du sie bekommen, wenn nicht, dann nicht.”
Der Jüngling warf. Aber er konnte nicht so weit wie sie werfen. Da ging er weiter. Er begegnete einer Frau.
Die Frau sagte: “Nun, wohin?”
“Das Mädchen des vieräugigen Div zu ergreifen.”
Die Frau sprach:
“Wenn du aus meiner Achselhöhle ein Haar herausziehen kannst, wirst du sie ergreifen.”
Der Junge hängte sich an ein Haar, um es herauszureißen. Aber er konnte es niQht herausziehen.
Die Frau sagte:
“Du konntest es nicht herausziehen, geh nicht weiter.”
Aber der Jüngling hörte nicht auf sie und ging weiter. Wie er dahinging, kam er in eine Wüste. Diese war so kahl, daß selbst eine Ameise, wenn sie dort krabbelte, sichtbar war. Der Jüngling ging weiter. Noch weiter saß die Tochter des vieräugigen Div auf ihrem Haus. Der Div fragte:
“Meine Tochter, kommt etwas, kann man etwas sehen?”
Das Mädchen antwortete:
“Vater, man kann etwas sehen, das kriecht.”
“Meine Tochter, wie geht dieses?”
“O weh, Vater, dieses Ding kommt heran, als ob es nicht wüßte, ob es gehen soll oder nicht.”
Der Div sprach:
“Hab keine Angst, meine Tochter, hab keine Angst.”
Dann sagte der Div:
“Meine Tochter, wohin kam dieses Ding?”
“Es kam zu unseren Trauben.”
“Wie ißt es die Trauben?”
“Es ißt sie, indem es die reifen daraus auswählt.”
“Hab keine Angst, meine Tochter, hab keine Angst.”
Der Div sprach von neuem:
“Meine Tochter, wohin kam das Ding?”
“Es kam zu unserem Bewässerungskanal.”
“Wie trinkt es das Wasser?”
“Es trinkt es von einer klaren Stelle.”
“Hab keine Angst, meine Tochter, hab keine Angst.”
Dann kam der Jüngling und entbot seinen Gruß. Der Div sprach:
“Hättest du nicht so gegrüßt, hätte ich dich in zwei Stücke gerissen und mit einem Schluck verschlungen. Willst du schießen oder ringen?”
Der Jüngling sprach:
“Schieß auf den Kopf deines Vaters, komm, wenn du ringen willst.”
Der Div sprach:
“Setze dich auf diesen Sattel, bis ich bereit bin.”
Der Jüngling setzte sich. Der Div hatte ihn vorher eingeleimt. Der Jüngling blieb auf dem Sattel festkleben und der Div warf ihn da mitsamt dem Sattel in einen versiegten Brunnen.
Hört jetzt von seinem jüngeren Bruder. Dieser sagte sich: “Wie wird es wohl meinem älteren Bruder ergehen?”,
und er blickte auf den Säbel. Da sah er, wie von dem Säbel Blut in dicken Tropfen tropfte. Der Jüngling nahm den Säbel herunter und ging weg. Er kam zum Haus des älteren Bruders. Der Jüngling war seinem älteren Bruder sehr ähnlich. Die Frau dachte, ihr Mann wäre gekommen, kochte Essen und tat
auf einen Teller Pilau. Der Jüngling teilte den Pilau in der Mitte mit seinem Säbel in zwei Teile und sagte: “Komm
nicht herüber.”
Die Frau wunderte sich. Als sie am Abend schlafen wollten, machte sie ihr Bett gemeinsam. Der Jüngling legte in die Mitte den Säbel und sprach:
“Wenn du hier herüberkommst, schneide ich dir den Kopf ab.” Die Frau, die der Überzeugung war, daß es ihr Mann sei, dachte sich: “Oho, er ist verrückt geworden.”
Der Jüngling machte sich am nächsten Tag frühmorgens auf den Weg. Als er dahinging, begegnete er einem Kamelhirten.
Der Hirte sagte:
“Nun Jüngling, wohin?”
“Die Tochter des vieräugigen Div zu ergreifen.”
“Ich lasse diese beiden Kamele miteinander kämpfen, wenn du sie trennen kannst, wirst du sie ergreifen, wenn nicht, dann nicht”, sagte er.
Der Jüngling warf jedes der Kamele zu Boden. Der Hirte sprach:
“Du wirst sie ergreifen.”
Als er dahinging, traf er einen Mann mit einem Hund.
Der Jüngling sagte zu ihm:
“Ich gehe, die Tochter des vieräugigen Div zu ergreifen.”
“Wenn du dich gegen meinen Hund verteidigen kannst, wirst du sie ergreifen, wenn nicht, dann nicht.”
Der Jüngling gab dem Hund einen Stoß, so daß er winselnd davonschlich. Der Mann sprach:
“Du wirst sie ergreifen.”
Als der Jüngling wieder weiterging, traf er auf Leute, die Balken warfen. Sie sagten:
“Wenn du diese Balken so weit wirfst wie wir, wirst du sie ergreifen, wenn nicht, dann nicht.”
Der Jüngling warf die Balken zweimal so weit als diese. Sie sagten: “Geh, du wirst die Tochter des vieräugigen Div
ergreifen.”
Als der Jüngling wieder weiterging, begegnete er einer Frau. Diese sagte: “Wenn du ein Haar aus meiner Achselhöhle herausziehen kannst, wirst du sie ergreifen, wenn nicht, dann nicht.”
Der Jüngling zog alle Haare aus der Achselhöhle der Frau auf einmal heraus. Der Jüngling kam dann in die bereits erwähnte Wüste. Das Mädchen sprach zum vieräugigen Div:
“Vater, es kommt etwas herangekrochen.”
“Meine Tochter, wie bewegt es sich?”
“Es kommt, indem es den bunten Staub aufwirbelt.”
“Fürchte dich, meine Tochter, fürchte dich.”
Der Div sprach von neuem:
“Meine Tochter, wohin kam dieses Ding?”
“Es kam zu unserer Mauer.”
“Wie übersteigt es die Mauer?”
“Es übersteigt die Mauer, indem es sie zerstört und zerbricht.”
“Fürchte dich, meine Tochter, fürchte dich.”
“Meine Tochter, wohin kam dieses Ding?”
“Es kam zu unseren Trauben.”
“Wie ißt es die Trauben?”
“Es verschlingt, was ihm entgegenkommt, ohne auf die unreifen zu achten.”
“Fürchte dich, meine Tochter, fürchte dich.”
“Meine Tochter, wohin kam dieses Ding?”
“Es kam zu unserem Bewässerungskanal.”
“Wie trinkt es unser Wasser?”
“Es trinkt es mit all seinem Schmutz.”
“Fürchte dich, meine Tochter, fürchte dich.”
In diesem Augenblick kam der Jüngling und entbot seinen
Gruß. Der Div sagte: “Willst du schießen oder ringen?”
Der Jüngling antwortete:
“Schieß auf den Kopf deines Vaters, komm, wenn du ringen willst.” Der Div wollte den Jüngling täuschen und sprach:
“Setze dich auf diesen Sattel, bis ich fertig bin.”
Der Jüngling antwortete:
“Ich werde mich nicht setzen”, und schlug dem Div mit seinem Säbel den Kopf ab. Indem er auch das Mädchen ergriff, sagte er:
“Such meinen Bruder, wenn du ihn nicht findest, dann nehme ich dir das Leben.”
Das Mädchen ließ ihre vierzig Klafter langen Haare in den Brunnen und zog den Jüngling aus dem Brunnen. Der Jüngling war kaum noch am Leben. Der jüngere Bruder sprach zum Mädchen:
“Wenn du meinen älteren Bruder nicht in vierzig Tagen wie einen fetten Fisch herausfütterst, werde ich dir den Kopf abschneiden.”
Das Mädchen pflegte den Jüngling und fütterte ihn in vierzig Tagen wie einen fetten Fisch heraus.
Dann gab der ältere Bruder dem jüngeren die Tochter des vieräugigen Div zur Frau. Darauf kamen sie ins Haus des älteren Bruders und lebten beide mit ihren Frauen. Sie veranstalteten ein großes Fest. Von diesem Fest bekam auch ich einen Hüftknochen, aber als ich ihn zurückbrachte, traf ich Alabaj, der ihn mir aus der Hand schlug und wegnahm.