Edschekedschan

Es war einmal und es war einmal nicht, es war einmal ein Mann. Von seiner ersten Frau hatte er eine Tochter und einen Sohn. Der Name des Mädchens war Edschekedschan, der Name des Jungen Bajmyrat.
Die zweite Frau dieses Mannes war auf die Kinder neidisch. Eines Tages tat die Frau, als ob sie krank wäre, und sprach zu ihrem Mann:
“Wenn du diesen Jungen nicht beseitigst, werde ich nicht gesund.”
Wie sehr der Mann dieses auch nicht tun wollte, seine Frau ließ nicht ab, und so war er damit einverstanden, den Jungen zu beseitigen. Edschekedschan aber hatte gehört, wie beide beschlossen hatten, ihn am nächsten Tag zu töten.
Da sagte Edschekedschan:
“Kleiner Bruder, laß uns heute weglaufen; wenn wir das nicht tun, werden sie dich töten.”
Es kam ihnen in den Sinn, an einem Ort zu spielen, wobei Bajmyrat mit Edschekedschans Kamm davonlief. Edschekedschan rannte ihm nach. So liefen sie beide dahin und kamen in eine Wüste. Sie gingen wenig, sie gingen viel, sie gingen durch die Ebene, sie gingen durch die Wüste und kamen hungernd und dürstend ganz von Kräften. Da gelangten sie nach einiger Zeit an eine Quelle. Als Bajmyrat das Wasser trinken wollte, sprach Edschekedschan:
“Mein kleiner Bruder, dieses Wasser ist Wasser für Vögel. Wenn du davon trinkst, wirst du ein Vogel.” Und sie ließ ihn nicht vom Wasser trinken. Sie ruhten sich aus und machten sie von neuem auf den Weg. Als sie dahingingen, gelangten sie wiederum an eine Quelle. Als Bajmyrat daraus Wasser trinken wollte, sprach Edschekedschan:
“Mein kleiner Bruder, dieses Wasser ist Wasser für die Gazellen. Wenn du davon trinkst, wirst du eine Gazelle.” Bajmyrat ließ wegen seines großen Durstes, ohne es Edschekedschan zu sagen, an dieser Quelle seine Schuhe zurück. Nachdem sie etwas gegangen waren, sprach Bajmyrat:
“Edschekedschan, meine Schuhe sind bei der Quelle zurückgeblieben.” Obwohl Edschekedschan zurückgehen wollte, tat sie es nicht, und Bajmyrat kehrte allein um. Als er zum Wasser gekommen war, trank er sich vom Wasser satt, doch als er seinen Kopf hob, sah er, daß er in eine Gazelle verwandelt worden war.
Nachdem Bajmyrat zu einer Gazelle geworden war, spießte er auf jedes Horn einen Schuh und kam zu Edschekedschan zurück. Edschekedschan sprach weinend:
“Mein kleiner Bruder, als ich ‘Trink nicht’ sagte, hättest du es nicht tun sollen”, und sie ging zusammen mit ihrem jüngeren Bruder weiter. Nachdem sie so dahingezogen waren, kam eine Herde Gazellen heran. Die Gazellen flüchteten nicht vor Bajmyrat. Bajmyrat gesellte sich zu den Gazellen und streifte mit ihnenvherum. An jenem Ort stand eine riesige Platane. Darauf konnte außer den geflügelten Vögeln kein Wesen hinaufsteigen. Edschekedschan ging zur Platane und konnte nicht hinaufsteigen. Da sprach sie:
“Beuge dich, meine Platane, beuge dich.” Die Platane beugte sich, Edschekedschan stieg auf sie hinauf und lebte dort. Wenn Bajmyrat einmal als Gazelle kam, so sah er dort Edschekedschan. Eines Tages ging der Sohn des Padischahs dieses Landes auf die Jagd. Als der Königssohn eine Gazelle verfolgte, kam er auch zu jener Platane. Er sah das Wasser, das unter der Platane floß, und wollte sein Pferd dort tränken. Doch sein Pferd schnaubte und trank nicht. Als er da ins Wasser blickte, zeigte sich auf dem Wasserspiegel das Bild eines schönen Mädchens. Der Königssohn wunderte sich.
doch die Leute, die bei ihm waren, erkannten, daß ein Mädchen auf der Platane war. Daraufhin sprach der Königssohn zum Mädchen und flehte sie an:
“O Mädchen, bist du ein Mensch oder ein Dschinn? Komm, steig herab.” Aber das Mädchen sagte nichts. Was auch immer der Königssohn und seine Leute taten, sie konnten das Mädchen nicht ergreifen. Und so machten sie sich wieder auf den Heimweg.
Der Königssohn ging zu seinem Vater und klagte:
“O Vater, auf einer bestimmten Platane sah ich ein Mädchen, so schön, daß man es nicht sagen kann. Aber ich konnte es nicht ergreifen.”
Der Padischah hieß sofort eine Menge Leute mit Schaufel, Axt und Beil zu seinem Sohn gehen und befahl, diese Platane zu fällen. Die Leute gingen und fingen an, die Platane zu fällen. Nachdem sie eine Weile da gewesen waren, sagten sie, daß sie sie am nächsten Morgen fällen würden, und legten sich nieder. Am nächsten Morgen jedoch sahen sie, daß die Platane um ihren vorherigen Umfang größer geworden war.
Sie fingen daraufhin wieder zu hacken an, aber konnten bis zum Abend nicht damit fertig werden. In der Nacht legten sie sich wieder nieder, am Morgen sahen sie, daß die Platane von neuem gewachsen war. Die Platane hatte auch am Tag um das Doppelte an Umfang zugenommen.
Da kehrten die Leute wieder zurück. Nachdem sie zu Hause angekommen waren, klagten sie dem Padischah ihr Leid. Der Padischah ließ nun verkünden: “Wer dieses Mädchen fangen kann, dem werde ich sein Gewicht in Gold geben.”
Da kam eine alte Frau und sprach:
“Mein Padischah, wenn du mir einen schwarzen Kessel und ein, zwei verschmutzte weiße Hemden gibst, werde ich dieses Mädchen fangen.” Der Padischah ließ ihr sofort alles geben.
Die alte Frau kam unter die Platane, rührte den Kessel am Flußufer um, goß Wasser hinein und rieb die Kleider im Schmutz des Kessels.
Als Edschekedschan dies von der Platane aus sah, sagte sie:
“O Großmutter, du machst deine Kleider noch schwärzer, als sie vorher waren.” Darauf sprach die alte Frau:
“Mein Mädchen, meine Augen sehen nicht mehr, komm du und unterweise mich.”
Edschekedschan hatte Mitleid mit dem Zustand dieser Alten und sprach:
“Beuge dich, meine Platane, beuge dich.”
Die Platane beugte sich. Edschekedschan stieg herab und wusch der Alten die Kleider. Darauf ging die Alte zu Edschekedschan und sagte:
“Mein Mädchen, Gott vergelte dir die Arbeit, die du getan hast. Komm, ich habe dort eine Kiste. Darin ist allerlei eßbares Zeug. Nimm davon und koste.” Obwohl Edschekedschan nichts essen wollte, ließ die Alte nicht ab und brachte sie zur Kiste. Als Edschekedschan die Kiste öffnete, kam der Sohn des Padischahs heraus und’1 ergriff sie. Der Königssohn gab sich zu erkennen und wollte Edschekedschan in sein Haus führen. Da sagte Edschekedschan:
“Ich habe einen jüngeren Bruder. Der trank vom Gazellen wasser und wurde zu einer Gazelle. Wenn du auch ihn mitnimmst ihm ein Gehege aus Gold und eine Leine aus Silber machst und ihn behütest, gehe ich mit dir.”
Der Königssohn war damit einverstanden. Edschekedschan stieg auf einen Hügel und rief ihren Gazellenbruder. Nachdem der Gazellenbruder gekommen war, erklärte ihm Edschekedschan die ganze Sache,und die Gazelle war damit einverstanden.
Da nahm der Königssohn Edschekedschan und die Gazelle mit sich. Wie der Gazelle gesagt worden war, baute er ein Gehege aus Gold und machte er eine Leine aus Silber.
Der Königssohn bereitete für Edschekedschan das Hoch-zeitsfest und heiratete sie. Er gab auch Edschekedschan eine Sklavin mit Namen Patma zur Seite. Nachdem die Monate, die Tage vergangen waren, wurde Edschekedschan schwanger.
Als eines Tages Patma zum üfer des Flusses ging, um Kleider zu waschen, ging Edschekedschan mit ihr. Patma schlug am Rand des Flusses einen Pflock ein, knüpfte an ihn ein langes Seil, band ein Ende davon an ihr Handgelenk und ging in das Wasser des Flusses hinein. Edschekedschan sah dies und kam, um ebenfalls ins Wasser zu steigen. Als Edschekedschan ins Wasser stieg, riß Patma den Pflock heraus. Edschekedschan sank in das Wasser hinab und glitt zum Grund des Flusses.
Da zog Patma Edschekedschans Kleider an, band ihre eigenen Kleider um ihren Bauch, war so Edschekedschan ähn-lich und ging nach Hause. Der Königssohn merkte nicht, daß es Patma war. So lebten sie denn weiter.
Der Kopf Patmas aber war grindig. Als sie ihn in der Nacht kratzte, knisterte es. Der Königssohn fragte, was sie esse. Da sie nicht zugeben wollte, daß sie grindig war, gab sie zur Antwort:
“Ich esse gerösteten Weizen, den ich von meinem Vater, von zuhause, mitgebracht habe.”
Der Königssohn sagte darauf:
“Gib auch mir etwas.”
“Ich habe alles aufgegessen”, sagte da Patma.
Eines Tages kam am Morgen die Gazelle zu ihnen und betrachtete sie. Die Gazelle sprach:
“Dies sind die Füße des Königssohns, dies aber sind die Füße Patmas, die Füße Edschekedschans sind nicht da.”
Als Patma dies hörte, dachte sie bei sich: “Wenn ich diese Gazelle nicht töte, wird sie Schande auf mich bringen.”
Am nächsten Tag sagte sie sogleich beim Aufstehen zum Königssohn :
“Heute möchte ich Gazellenfleisch essen. Laß diese Gazelle töten.” Der Königssohn fragte:
“Du hast bis heute gesagt, daß die Gazelle dein Bruder ist, warum sagst du jetzt, daß du sie essen willst?”
Da sprach Patma:
“Auch wenn es mein Bruder ist, will ich die Gazelle essen.” Darauf befahl der Königssohn, die Gazelle zu töten. Als die Gazelle getötet werden sollte, sprach sie zum Königs sohn:
“Ich möchte gern gehen, um etwas Wasser zu trinken.” Der Königssohn erlaubte es. Als die Gazelle zum Ufer des Flusses kam, klagte sie:
Das goldene Gehege wurde zerstört,
Die silberne Kette wurde zerrissen,
Das Herz der grindigen Sklavin des Padischahs Hat kein Mitleid mit mir.
Edschekedschan war, obwohl sie ertränkt wurde, nicht gestorben und hatte im Fluß Zwillinge zur Welt gebracht.
Als sie die Stimme der Gazelle hörte, sagte sie:
Mein Haar ist auf dem Fluß,
Mein Körper ist im Mund eines Fisches,
Des Schahs zwei Kinder,
Ein jedes ist auf einem meiner Knie.
Und sie fuhr fort:
“Geh, sag dem Königssohn, er soll dich nicht anrühren.
Da ging die Gazelle zurück. Aber ihr Hals war voll und sie konnte kein Wort hervorbringen. Als der Königssohn sie töten lassen wollte, sagte die Gazelle von neuem:
“Ich möchte Wasser trinken.” Der Königssohn ließ es wiederum zu. Das dritte Mal sagte sich der Königssohn: “Diese Gazelle hat ein Geheimnis”, und er folgte ihr.
Die Gazelle kam zum Flußufer und sprach weinend und klagend:
Das goldene Gehege wurde zerstört,
Die silberne Kette wurde zerrissen,
Das Herz der grindigen Sklavin des Padischahs Hat kein Mitleid mit mir.
Als Edschekedschan die Stimme ihres unglücklichen Bruders hörte, gab sie folgende Antwort:
Mein Haar ist auf dem Fluß,
Mein Körper ist im Mund eines Fisches,
Des Schahs zwei Kinder,
Ein jedes ist auf einem meiner Knie.
Als der Königssohn das Leid der Gazelle sah und die Stimme, die aus dem Fluß kam, hörte, da verstand er alles, was geschehen war.
Er ging zurück und ließ im ganzen Königreich verkünden: “Heute darf kein Tier getränkt werden.” Am nächsten Tag führte die ganze Bevölkerung auf Befehl das ganze durstige Vieh zum Fluß. Die Tiere tranken das ganze Wasser des Flusses aus. Da sahen sie, wie Edschekedschan auf dem Flußgrund saß und zwei Söhne in den Armen hielt. Mit der Gazelle kam der Königssohn und holte Edschekedschan mit ihren Kindern heraus. Sie kamen nach Hause, Patma wurde, verstoßen, sie hatten ihr Ziel erreicht und konnten in Frieden leben.